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‚Ja, wir haben sie!’ oder ‚Mist, es war schon jemand oben!’?‚Ja, wir haben sie!’ oder ‚Mist, es war schon jemand oben!’?

Einmal im Jahr hat man die Chance, der Nachwelt die eigenen dichterischen Fähigkeiten nahezubringen oder mit passenden Zitaten zu glänzen. Wenn man einen Gipfel als Erster im neuen Jahr bestiegen hat, darf man ‚Berg Heil’ und einen Spruch in das Gipfelbuch schreiben. Hervorragend lässt sich die Jagd nach den Jahresersten auch mit dem Sammeln abgelegener Gipfel verbinden, da man dort noch am längsten die Chance hat, einen unbestiegenen zu erwischen.

Nachdem ich den Neujahrstag 2008 statt mit Klettern und Jahreserstenjagen mit Schlafen und Slacklinen verbracht habe, ist die erste Gelegenheit der 12. Januar. Steffen und ich rutschen auf verschneit-vereisten Wegen Richtung Fels. Die angekündigte Sonne kann sich nur so halb zum scheinen durchringen und es bläst ein recht eisiges Lüftchen. Steffen ist trotzdem nicht zu bremsen und redet pausenlos vom Arymundweg. Irgendwie muss ich das verhindern, da ja schon in der Zeitung stand, dass Bernd Arnold am Neujahrstag den zugehörigen Gipfel bestiegen hatte. Der Neue Talweg an der Wehlnadel findet schließlich auch die Gunst meines Vorsteigers und bald stehen wir oben und vor der Frage: Was einschreiben? Berg Heil 2008 und einen schlauen Spruch, oder einen halbwegs schlauen Spruch oder zumindest irgendwas...

‚Ha Ha – Keiner da!’

steht jetzt im Gipfelbuch.

Tags darauf. Viel wärmeres Wetter. Mit Tina und Seb wieder in Rathen. Wir laufen am Kleine-Gans-Massiv bergauf – an der Wehlnadel vorbei, wo gerade eine Seilschaft Jagd auf eine mögliche Jahreserste macht – hihi – wenn die wüssten. [1]

Wir haben uns dafür zwei Felsen ausgekuckt, die dieses Jahr bestimmt noch unbesucht sind: Bierturm und Wassermann, ganz ganz weit hinten im Wehlgrund...

Und zwar so weit hinten, dass die Sonne noch nicht recht Gelegenheit gefunden hat, dort mal vorbeizuschauen. Nach einigem Herumrutschen in dreckigen und überdies noch verschneiten Schluchten, geben wir das Vorhaben auf und lassen den Tag entspannt mit der Jahreszweiten auf dem Neurathener Felsentor und einem Bier auf der Bank am Elbufer ausklingen.

Am 9. Februar bin ich mit Tina und unserem fränkischen Freund Andi unterwegs. Da Andi sich immer Mühe gibt, den Vorurteilen gegenüber sportklettersozialisierten Altbundesländergeborenen zu entsprechen (‚Der Kamin ist keine 3, das ist für mich mindestens 7b’ und ähnliches...) versuchen wir im Gegenzug, ihm ein paar besonders eigentümliche Eigentümlichkeiten dieses eigentümlichen Klettergebietes ‚Elbsandstein’ nahezubringen. Nach einiger Suche und ein wenig Kaminschrofenschluchtkletterei (auf Wunsch sogar mit Seilsicherung) stehen wir in der Scharte der Neuwegwand. Tja und nun? Ein Glück nur, dass Tina immer alles vorsteigen will, da muss ich nicht erst nach Ausreden suchen... Nachdem sie eine ganze Weile an allen Ecken des Felsens probiert hat und sich schließlich über eine scheußlich ungesicherte 5 nach oben befördert hat, bleibt nur noch, den neidvollen Ausspruch von Patrick Edlinger zu zitieren:

Ich mag die Eidechse: sie klettert locker 10er solo,
sonnt sich dabei und fängt nebenbei noch Fliegen!

Aber wir wollen ja wirkliche Absonderlichkeiten des sächsischen Kletterns. Also ‚Baustelle’. Der Kobold lässt sich angeblich über eine 5 ersteigen. Wenn das zu schwer ist, kann man sich auf die Schultern des Kameraden stellen, dann ist es sogar nur noch 3. Nach einigen Metern Schrofengelände sitze ich mit Tina an einem Bäumchen bei der Hochscharte, nur ca. 4 Meter unter dem Gipfel. Für 5 sehen wir keine rechten Chancen, also soll ich meine Schultern als Zusatztritte zur Verfügung stellen... immerhin – Tina ist klein und leicht.

Mein Stand in dem Kaminspalt, der die Hochscharte bildet, ist dafür alles andere als stabil. Wir kriegen es einfach nicht hin. Ich versuche auch mal, da ich dank meiner Länge vielleicht ohne Unterstützung schon an den entscheidenden Griff erreichen kann... aber nichts da.

Stichwort Absonderlichkeiten... ich könnte ja zwischen dem dünnen Bäumlein und dem Gipfel spreizen und vielleicht schon die Abseilöse erreichen. Klappt natürlich nicht. Egal, ich schnappe mir ein halbmeterlanges Ästchen und eine Schlinge. Mit etwas Kunstverstand schaffe ich es schließlich diese mit Ankerstich in der Abseilöse zu verankern – Sieg! Mithin baue ich Tina an dieser Stelle vortrefflich gesichert zum Gipfel hoch und versuche über die eigentlich geplante Aufstiegsroute nachzukommen. Schwierigkeitsgrad 5 mit Seil von oben und ich kriege es nicht hin. Also mit Seilhilfe an unserer Bäumchenspreizkaminstelle – ein einziger Krampf und mit Felsklettern hat es absolut nichts zu tun, Entsprechend fällt auch der Jahreserstenspruch aus:

Bauen
kann alles versauen,
doch mit Vegetation
geht es schon!

Der Tag wird erst dadurch gerettet, dass ich mich anschliessend noch mal mit geballter Uneleganz und Gewalt über den Überhang des ‚Alten Weges 6’ schleudere und damit den Gipfel zumindest sportlich halbwegs einwandfrei besteige.

Gemütlich klingt der Tag noch auf dem Kolosseum aus:

Die Sonne sinkt ins Tal hinab
Drum seilen wir uns ganz schnell ab!

Der nächste Tag ist für das Ausmerzen des Misserfolgs am Bierturm verplant. Der Jahreserstenspruch gibt den Charakter dieser Besteigung zusammenfassend wieder:

Wenn vom blauen Himmel die Sonne lacht,
wird sonst ne schöne Südseite gemacht…
Mit schwerem Kopf, nicht recht bei Sinnen
wir nichts Gescheites zusammen bringen:
stolpern über Stock und Stein
in eine finstere Schlucht hinein.
Erika, Bruch, Sand und Moos
– der Bierturm ist famos!

Wassermann erweist sich als wesentlich angenehmer zu besteigen, dafür war aber auch schon eine Seilschaft vor uns oben.

Der Samstag darauf bringt drei neue Gipfel, darunter die noch vor ein paar Wochen wegen Schnee für unersteiglich erklärte Adventspitze, allerdings – was wir hier in der fast allerhintersten Ecke des Großen Zschands nicht erwartet hätten – keine einzige Jahreserste.

Mit Tilo bin ich des Sonntags in Rathen unterwegs. Glücklicherweise lacht die Sonne nur vereinzelt durch die Wolken, sodass es nicht weiter schlimm ist, dass wir an schattigen Quacken rumkrauchen Schwarze Säule, Ferdinandturm – Klassische Gipfel zum ‚einmal und nie wieder’ besteigen... allein die Jahresersten sind schon vergeben. Also machen wir uns auf den ‚Leichten Weg’ am Taufstein, eine recht umständliche Überschreitung diverser Vorgipfel, in der Kletterwegedatenbank unter www.teufelsturm.de als „...so abstrus, dass es schon wieder "gut" ist.“ gepriesen. Auf halbem Wege (nach Vorgipfel Nummer 5) liegt der Gipfel Pate, der schnell noch über den Alten Weg (Jahreserste!) erklommen wird.

Gipfelspruch Pate???

Nach erfolgreicher Überschreitung weiterer 5 Vorgipfel fällt mir als Gipfelbuchspruch für den Taufstein nur das Zitat aus dem unvergleichlichen Hördialog ‚Einstein für Anfänger’ von Olaf Schubert ein:

So ä winzischer Ort – und trotzdem so weit weg?
Dass die da gorni ma ä bissl ä Gespür haben
für, für, für Relation oder irgendwas, hä?

Gleich in der Nähe stehen noch ein paar besonders ungängige Felsen, ideal also für Jahreserstenjäger: Zugvogelspitze, Felsensternscheibe und Felsensportturm. Am Einstieg stehend erscheinen sie uns aber schon wieder zu ideal in ihrer Ungängigkeit. Da steigen wir doch lieber noch auf den Witzbold, dessen Name schon einen guten Anhaltspunkt für die Schwierigkeit und Größe desselben gibt. Trotzdem war noch niemand im neuen Jahr hier oben!

Das Glück war uns hold
Berg Heil am Witzbold!

Der darauffolgende Samstag beginnt wenig verheißungsvoll mit Gipfeln, die ich schon bestiegen habe und bei denen auch die Jahreserste schon passé ist. Wenigstens hat sich noch niemand in diesem Jahr die leicht expeditionsartige Besteigung des Heringsgrundwächters angetan, sodass ich mein aktuelles Lieblingszitat von Gotthold Ephraim Lessing

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert,
hat keinen zu verlieren.

einschreiben kann.

Sonntag wieder Rathen, wieder mit Tilo, außerdem Vinc und Wutti. Wir machen weiter wo wir zuletzt aufgehört hatten. Der Zitronenkopf ist für 3 zu ersteigen, nur sollte man für den Zustieg vorher den Kletterführer lesen. Stattdessen folgen wir jedoch einer begangen aussehenden Schlucht, die nach oben hin zunehmend unbegangener aussehend und schwieriger wird. Wieder hinunter zu steigen ist aber auch kein sonderlich verlockender Gedanke. Schließlich sind wir auf Gipfelhöhe – nur leider am gegenüberliegenden Massiv. Von hier erkennt man auch ganz gut, wo der richtige Zustieg gewesen wäre. Mit einer strategisch gut gewachsenen Birke und dem 60 Meter Seil wird das jedoch gelöst und die eigentliche Besteigung ist dann kein Problem mehr.

Gipfelspruch Zitronenkopf???

Als kurzes Intermezzo gönnen wir uns die Südwand und die Südwestwand am Pavillonwächter, zwar schon bekannt und auch ohne Aussicht auf eine Jahreserste, aber da es windgeschützt und sonnig ist, können wir an diesem 24. Februar tatsächlich einmal im T-Shirt klettern (Das Klettern in kurzen Hosen scheitert auch nur daran, dass keiner welche mit hat.)

Eigentlich sind wir aber wegen des schattigen kleinen Gipfels nebenan, der Kanzelscheibe hier. Oben angelangt fällt mir mal wieder ein Spontanreim ein, Tilo schreibt ihn ein, aber da Vinc der einzig verheiratete der Seilschaft ist, wird vermutlich der Verdacht auf ihn fallen, Urheber der Zeilen

Hast du genug von deinem Weibe,
So steige auf die Kanzelscheibe!

zu sein. Hoffentlich ersteigt seine Frau nie diesen Felsen...

Zum Tagesausklang darf ich mir noch das abschließende Kletterziel wünschen – und da liegt die Raaber Scheibe recht nahe, ja, weil eben nahe gelegen und recht klein, ergo noch schnell vor Sonnenuntergang zu besteigen. Die Sternchen-5 erweist sich freilich als recht feuchte, schattige und sandige Unternehmung, aber wir sind ja nicht zum Spaß hier, sondern um die Ersten zu sein. Sind wir auch.

Wir rückten der Raaber Scheibe
durch Sand und Moos zu Leibe
Jetzt freu’n wir uns auf’s Hermann-Bier[2]
nach der Jahresersten hier.

Dank meiner flexiblen Arbeitszeiten kann ich das grandiose Wetter am darauffolgenden Dienstag auch noch nutzen. Mit André ist ein starker Vorsteiger dabei und ich darf mir sogar etwas wünschen – ganz klar: meine Wahl fällt auf die Rauschenspitze, ein schwieriger (7b) Gipfel, den ich schon lange mal besteigen möchte. Die Talseite 8a ist hier der klassische Aufstieg der Wahl. Am Überhang zwischen 1. und 2. Ring wird es ein wenig dramatisch, da mich wegen der ungünstigen Seilführung in Verbindung mit der luftigen Exponiertheit kurz die Panik erfasst. Schließlich hänge ich aber am sicheren Ring und schon bald geht es weiter. Der Riss und auch die Reibungskante am Ausstieg gehen erstaunlich gut. Das Gipfelbuch geöffnet: Berg Heil 2008 steht zu lesen – Paul und Ben, zwei gute Bekannte waren schon vor uns da gewesen. Der eigentliche Gag kommt aber von André: „Ich wusste das schon, weil Ben es mir erzählt hat, habe es dir aber verschwiegen, weil ich befürchtete, du kommst sonst nicht mit.“

Mehr Glück haben wir dann mit dem ‚Blick zum Rosenberg 7c’ an der Hohen Wand, in deren Gipfelbuch jetzt auch das Lessing-Zitat zu lesen ist.

Wer mitgezählt hat, weiß jetzt, dass die 13 meine diesjährige Glückszahl für Jahreserstbesteigungen ist. Wobei... in Hinterhermsdorf konnten wir sogar einmal im Juli noch das ‚Berg Heil’ -2004 müsste das gewesen sein – einschreiben. Also schau’ mer mal!

März 2008


[1] Dank der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts, vor allem der 'community'-website 'StudiVz' waren die bedauernswerten Jahreszweiten gerade mal eine Woche später identifiziert... inzwischen hat die Nachsteigerin sogar den Weg in mein Gästebuch gefunden :-)
[2] Hermann ist der traditionelle Bergsteigertreff in Rathen, ein Kiosk wo es die Flasche Bier ab 1€ gibt.


Joachim Finzel, März 2008

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